Kommentar zum Klimastreik: Eine andere Welt ist möglich


Eine andere Welt ist möglich
Das war er also, der globale Klimastreik. Beziehungsweise, gerade eben ist er wahrscheinlich immer noch am laufen. Denn nicht nur in München standen heute Menschenmassen auf den Straße und Plätzen. Überall in der Welt sind Jung und Alt auf der Straße. In zahlreichen Ländern drängen sie lautstark eine Botschaft in die Politik: Es kann nicht so weiter gehen, es gibt keinen Planeten B!
Für die Politik ist das keine einfache Botschaft, das hat man auch am heute fertig geschnürtem Klimapaket gesehen. Einerseits soll die Botschaft ausgehen, man habe verstanden, andererseits sagt die Bundesregierung, es werde sich eigentlich nichts ändern und vor allem nicht so schnell.
Benzinpreis um 3-15cent rauf, gleichzeitige Erhöhung der Pendlerpauschale, ein angeblicher Emissionshandel der starr gehalten wird, damit sich die Auswirkungen, wenn man denn die Ziele doch reißt, keinesfalls auf den Geldbeutel der Bürger durchschlagen, und all das natürlich bei Wahrung der schwarzen Null.
Dass das nicht die Antwort auf die Forderungen der über 40.000 Demonstrantinnen und Demonstranten ist, die heute allein in München werktags auf der Straße waren, liegt auf der Hand. Im besten Fall ist das eine Anregung dazu, das Thema Klimaschutz weiterhin auf der Tagesordnung zu halten.
In den Demokratien ist die Zaghaftigkeit, mit der die klimapolitische Herausforderung angegangen wird, meist in der Angst der Parteien vor der eigenen Abwahl begründet. Zumindest hoffen wir, dass es eben nicht so ist, wie in anderen Ländern, in denen Politikerinnen und Politiker von mächtigen Industrien und Magnaten abhängig sind oder sich gar selbst am Raubbau an der Natur bereichern. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, wie die Volksrepublik China. Die 5-Jahres-Pläne, die die Kommunistische Partei Chinas trotz aller Marktliberalisierung mit starker Hand durchsetzt, enthalten so ehrgeizige Ziele, dass sie in Deutschland unvorstellbar scheinen. Kohlekraftwerke werden jetzt auf gleich geschlossen, Industriezweige komplett verändert und die aktuellen Investitionen in erneuerbare Energien sind bisher unvergleichlichen Ausmaßes.
Mancher mag da denken, dass die Demokratie dann vielleicht nicht die richtige Regierungsform ist, um die klimapolitische Herausforderung anzugehen. Wer heute allerdings auf dem Königsplatz war, wird mir hoffentlich recht geben, wenn ich sage: Nur mit dieser freien, bunten, kreativen und offenen Gesellschaft kann es eine Zukunft geben, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und ich glaube, es wird sie geben.
Die jungen Leute von heute, die sich angeblich nicht von ihren Handys wegreißen lassen, die die 90er-Jahre-Mode auftragen, die nonchalant der älteren Generation sagen, dass sie es verbockt hat und die Freitags nicht in die Schule gehen, weil sie wissen, dass ihren Eltern nichts mehr Angst macht, als die Vorstellung, dass ihr Erbgut mal keinen Erfolg haben wird…
Diese jungen Leute, die heute eine Großdemonstration mit über 40.000 Teilnehmern organisiert haben, vor ihnen Reden gehalten haben und mit ihnen gesungen haben, sind diejenigen, die eine andere Welt möglich machen. Sie haben verstanden, dass ihre Demos für etwas sein müssen um zu einer anschlussfähigen und langfristigen Bewegung zu werden. Sie wissen längst, dass Revolution nur dann gut ist, wenn mensch tanzen kann. Dass Coolness, Stimmung und Spaß mehr Leute zu einem anderen Leben verführen kann, als erhobene Zeigefinger und wütendes Gezeter.
Ich freue mich auf diese Welt, die ich vielleicht mit ihnen zusammen gestalten darf, wenn die Klimakatastrophe aufgehalten werden kann. Denn trotz aller guter Laune und Spaß an der Sache, das worauf wir mit der derzeitigen Politik zusteuern ist nicht der Klimawandel oder die Klimakrise. Es ist eine Katastrophe, die in ihren Ausmaßen einem Weltkrieg in nichts nach steht. Diese Klimakatastrophe wird wie ein Weltkrieg auf der ganzen Welt Menschenleben und Sachwerte zerstören, Infrastruktur wegreißen, Menschen in die Flucht treiben, Landstriche unbewohnbar machen, Hungersnöte auslösen und die bestehende Ordnung umstürzen. Im Kleinen sehen wir das heute schon. Global kann es noch auf uns zukommen.
Und während einige, meist demokratiemüde und Autoritäten nachschmachtende, Staatsbürger, heute die Augen vor dieser Katastrophe verschließen wollen, sie leugnen und den Fakten mit Meinungen begegnen, stehen auf der anderen Seite die im besten Sinne vernünftigen Staatsbürger Immanuel Kants.
Denn Kant bereitete in seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ die Theorie vom Demokratischen Frieden vor. Sie besagt, dass zwei Demokratien untereinander keinen Krieg wollen können. Laut Kant seien Kriege zwar möglicherweise im Interesse von keiner Rechtfertigungspflicht unterliegenden politischen Machthabern, nicht aber im Interesse von Staatsbürgern, die im Kriegsfall weitaus kostspieligere Ressourcen, zum Beispiel ihr Leben oder ihr Eigentum, riskieren müssten.
Auf die heutige Zeit angepasst, müsste dieser Satz dann wohl heißen:
Eine Missachtung der klimapolitischen Herausforderung mag zwar im Interesse von nur an kurzsichtigen Profiten orientierten Machthabern, Magnaten und Industriellen sein, nicht aber im Interesse von jungen Welt- und Staatsbürgerinnen und – Bürgern, die im Katastrophenfall weitaus kostspieligere Ressourcen, zum Beispiel ihr Leben oder ihr Eigentum, riskieren müssten.
Deshalb ist die Demokratie, trotz all ihrer Fehler, immer noch die beste aller bestehenden Staatsformen um die klimapolitische Herausforderung anzugehen. Es verlangt nur von uns, uns am Elan und an der Lust der Jugend an Veränderung ein Beispiel zu nehmen. Frei nach dem Motto: Hurra diese Welt geht unter – wir bauen uns eine neue!

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